Ein Tag, ein Tisch, zwei Menschen und ein Thema: wie ein ganzer Tag Coaching bei mir abläuft

Der One-Day-Trip, den ich anbiete, erstreckt sich über einen ganzen Tag. Weil wir so beim Coaching besonders tief in ein Thema eindringen können und alles, was einen bewegt, in einen größeren Zusammenhang gestellt wird. Aber wie läuft solch ein Tag konkret ab? Dafür beschreibe ich hier die ersten Stunden des Coachings und erkläre meine Arbeitsweise. Meine Klientin: eine Unternehmerin Ende 30, die trotz Erfolgs mit ihrem Job unzufrieden ist

Wir treffen uns bei Anna im Büro. Auf dem Weg durch den Flur stellt sie mich kurz zwei Mitarbeiterinnen mit Namen vor. Dass ich Coach bin, erwähnt sie nicht. Ihr Zimmer ist eingerichtet mit Designermöbeln und sehr aufgeräumt. Als ich aus meinem Coachingkoffer die vielen bunten Karten auf den Tisch purzeln lasse, mit denen wir arbeiten werden, schaut sie mich irritiert an. „Ich dachte, wir reden nur.“

Auf dem glänzenden schwarzen Konferenztisch vor ihr sehen die Kärtchen wie Spielzeug aus. „Keine Angst, auf diesen Karten machen Sie sich nachher Notizen, die Ihnen helfen, Ihre Gedanken zu sortieren.“            

Ich spüre deutlich, dass ich hier in ihrem Terrain bin und aufpassen muss, Annas Ordnung nicht zu zerstören. Der Anfang eines Coachings ist entscheidend für den weiteren Verlauf. Ob mir jemand vertraut, meine kritischen Fragen ernst nimmt und sich mir öffnet, hat viel damit zu tun, wie ernst er sich selbst in diesen ersten Momenten genommen fühlt.

Ich bitte sie, zur Einstimmung noch einmal kurz zusammenzufassen, was das Thema ist, zu dem sie sich coachen lassen möchte. Anna hat die Sätze sofort parat: „Seit Monaten grüble ich, wie ich weitermache. Meine Firma ist zwar erfolgreich, aber die Branche, in der wir uns bewegen, wird immer umkämpfter und unsere Mitbewerber arbeiten mit allen Tricks. Da braucht es harte Bandagen. Schon jetzt arbeite ich 60 Stunden die Woche. Ich fühle mich so getrieben, gar nicht mehr glücklich.

Vielleicht sollte ich alles hinschmeißen und ein Café eröffnen oder erstmal eine Weltreise machen?“ Dieses Schwarzweiß-Denken ist typisch für Menschen unter Druck. Auch das Konfliktlösungmuster „Flucht in die Ferne.“

Um ihr Gedankenkarussell zu stoppen und sich zu fokussieren, bitte ich meine Klientin nun, ihr Thema in nur einem Wort ans Flipchart zu schreiben. Das ist schwieriger, als man denkt. Anna denkt laut: Sinnkrise, neue Aufgabe finden, Stress loswerden.... und entscheidet sich dann für die Formulierung „Zielfindung“. Die Reduktion des Themas auf einen Begriff hilft, nicht vorschnell in (altbekannten) Lösungen zu denken, sondern offen zu sein für ein Maximum an Möglichkeiten.

Nun kommen die bunten Karten zum Einsatz. Anna soll darauf assoziativ festhalten, was aus ihrer Sicht alles mit Ihrem Thema „Zielfindung“ zu tun hat. Per Größe und Farbe der Karten kann sie den Aspekten unterschiedliche Bedeutung geben.

Wieder sprudelt es nur so aus ihr heraus, es ist zu spüren, dass es in ihr schon monatelang arbeitet. Sie schreibt auf „Selbstständig sein“, „Neues entdecken“, „Werbung“, „Konkurrenz“, „Pitching“, „Geld“, „Haus“, „Mitarbeiter“ und so weiter. Auf meine Nachfragen wird Anna auch bewusst, wie viel ihr Partner und ihr Sohn mit dem Thema zu tun haben, die beiden hatte sie bisher ganz ausgeklammert.

Fast drei Stunden dauert es, bis die Visualisierung ihres „Ist-Zustandes“ auf dem Tisch liegt. Um die 50 Kärtchen füllen den Tisch. Jetzt geht es darum, Ordnung und somit Klarheit in das chaotisch aussehende Gedankenabbild zu bringen. Eine Aufgabe, die ihr liegt. Sie soll die Karten nach Oberthemen sortieren und diese wiederum nach Wichtigkeit für ihr Thema anordnen.

Diese Phase bringt meist schon wertvolle Erkenntnisse für meine Klienten. Vor allem die, dass jede zukünftige Veränderung Einfluss auf ihr ganzes System hat. Das systemische Coaching betrachtet die Menschen ganzheitlich, jeder unserer Schritte hat auch Einfluss auf unsere jeweiligen Beziehungen und Werte: Entscheidet Anna sich für die Weltreise, hat das Auswirkungen auf ihren Sohn, ihren Mann und ebenso auf ihren Wert Freiheit. Indem meine Klientin nun priorisiert, was sie für ihr Thema „Zielfindung“ am wichtigsten hält, trifft sie erste Entscheidungen auf dem Weg in die Zukunft.

Dieser Prozess dauert oft sehr lange. Und ich muss mir jedes Mal Ruhe und ausreichend Schweigen verordnen, um ihn nicht vorschnell zu beenden. Anna arbeitet stumm und hochkonzentriert, schiebt ihre Welt in Gedanken hin und her. Sie weiß nicht wohin mit dem Kärtchen, auf dem „Weitere Kinder“ steht – wie wichtig ist ihr dieser Wunsch?

Um ein Gefühl dafür in ihr auszulösen, provoziere ich sie und nehme die Karte ganz vom Tisch. „Ist das Bild für Sie auch so vollständig?“, frage ich. Anna verlangt die Karte zurück und weiß plötzlich ganz genau, welch große Bedeutung das Thema weitere Kinder für sie hat.

Mittlerweile sind ein paar Stunden vergangen. „Ich hätte ja nie gedacht, wie viele Aspekte das Thema hat und was dabei alles eine Rolle spielt!“, sagt Anna. Durch die Vergegenwärtigung dieser Aspekte ist sie jetzt schon deutlich ruhiger als zu Beginn des Coachings. Und auch ein bisschen aufgeregt, als ich sie bitte, auf der Basis des bisher Erarbeiteten nun in einem Satz zu formulieren, was sie bis zu einem bestimmten Zeitpunkt erreicht haben will.

Sie schaut auf die Karten, auf die Gewichtungen, die sie selbst vorgenommen hat. Diese zeigen, wie wichtig ihr Selbstständigkeit, das Gestalten und das Führen von Mitarbeitern sind. Allein hinter dem Tresen eines Cafés zu stehen? Ausgeschlossen. Auf ein paar Karten hat sie auch geschrieben, was ihre Konkurrenz anders macht als sie. Diesen Stapel nimmt sich Anna jetzt vor. „Agenturen, die für andere Branchen arbeiten, haben es viel leichter“, sagt sie neidisch.

Aus diesem Gedanken entwickelt  sie schließlich ihr Ziel. Anna schreibt auf: „Bis zum Januar 2022 werde ich mit meinen Mitarbeitern erfolgreich die Branche Food erobert und drei neue Kunden gewonnen haben.“

Ich frage nach, ob dieses Ziel auch wirklich realistisch sei. Anna bejaht. Ist es verlockend genug? „Natürlich wäre eine Weltreise toll, aber wenn ich die jetzt mache, hätte ich den Kopf nicht frei, da wäre immer dieser Druck: was kommt danach?“, sagt sie. „Dieses Ziel ist motivierend für mich, weil ich weiß, dass mein Job so eine Perspektive hat, ohne dass ich dabei ausbrenne. Und mir ist klar geworden: Ich will wirklich gern noch ein zweites Kind bekommen, auch das ist so vorstellbar. Die große Reise kann ich ja immer noch machen, die bleibt mein Traum für die ferne Zukunft.“

Mit der Zielfindung ist mein Coaching noch lange nicht zu Ende. Danach befassen wir uns mit den Motiven, Werten und Begabungen des Klienten: Was davon hilft, sein Ziel zu erreichen? Was könnte aber auch hinderlich sein?

Durch diese Coaching-Phase bekommen meine Klienten ein besseres Gefühl für sich selbst und werden auch jenseits des Themas, für das sie gekommen sind, deutlich entscheidungssicherer.

Am Ende des Coachings steht ein konkreter Handlungsplan, auf dem die nächsten Schritte bis zum Ziel festgehalten sind. Und wenn wir uns am Abend nach solch einem Coaching-Tag voneinander verabschieden, höre ich von den meisten Klienten den Satz: „Es hat so gut getan, sich mit meinen Fragen mal so viel Raum zu nehmen – jetzt sehe ich viel klarer.“

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